Welt und Sicherheit

Sara Netanjahu verklagt wegen Andeutung über „Vorwissen" der Opposition – Netanjahu droht Haaretz – Doppelte juristische Attacken auf die Aufarbeitung des 7. Oktober

Sara Netanjahu wird mit einer Verleumdungsklage über rund 1,2 Millionen US-Dollar überzogen, weil sie im rechten Sender Kanal 14 andeutete, Oppositionsführer Jair Golan habe vom Hamas-Angriff „vorher gewusst". Netanjahu selbst droht parallel, die Zeitung Haaretz zu verklagen, die seine Vorab-Warnung durch die VAE enthüllte. Beide Schritte und das „im Dunkeln gelassen"-Narrativ sollen offenbar die Aufarbeitung des 7. Oktober von der Regierung auf Militär und Medien umlenken.

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Die Frau des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu, Sara Netanjahu, sieht sich mit einer Verleumdungsklage in Höhe von rund 1,2 Millionen US-Dollar (2,55 Millionen Schekel) konfrontiert. Wie ABC News berichtet, wurde die Klage von dem Mitte-links-Politiker Jair Golan eingereicht, dem Vorsitzenden der Demokratischen Partei und ehemaligen stellvertretenden Generalstabschef der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF). Die Klage wirft Sara vor, in einem Interview mit dem israelischen Sender Kanal 14 – der in Israel weithin als einer der am weitesten rechts stehenden Fernsehsender gilt – angedeutet zu haben, Golan habe von dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 „vorher gewusst".

Golan war am Tag des Angriffs vom 7. Oktober in den Süden Israels geeilt und gilt weithin als jemand, der mehrere Menschen vom Gelände des Nova-Musikfestivals rettete, das einer der Schauplätze des schlimmsten Massakers an jenem Tag war. Sara stellte im Interview infrage, wie Golan zu einem so frühen Zeitpunkt am Tatort eintreffen konnte. ABC News zitiert sie aus dem Interview mit den Worten: „Wenn man ein so hochrangiger Offizier ist und behauptet, am 7. Oktober ein Kämpfer gewesen zu sein, bereits am Morgen in Uniform und einsatzbereit … zu einem sehr, sehr frühen Zeitpunkt, an dem andere noch nichts wussten [vom Angriff]. Sogar der Ministerpräsident – sollte er nicht erfahren, dass ein Krieg bevorsteht? Warum hat man ihn nicht informiert? Aber das ist eine andere Sache."

Golan reagierte darauf mit einer scharfen Videoerklärung in den sozialen Medien. Wie ABC News berichtet, sagte er: „Es stellt sich heraus, dass Paranoia ein Familiengeschäft ist. Netanjahu hört nicht auf zu lügen und zu vertuschen. Je enger die politische Schlinge um seinen Hals wird, desto gefährlicher wird er. Wenn er spürt, dass ihm die Macht entgleitet, gibt es keine Lüge, die er nicht aussprechen, keine rote Linie, die er nicht überschreiten würde. Das ist ein niederträchtiges und abscheuliches Unterfangen. Wir werden diesem Treiben ein Ende setzen."

Die Höhe der Klageforderung – 2,55 Millionen Schekel (etwa 1,17 Millionen US-Dollar) – ergibt sich aus Saras Weigerung, die entsprechenden Äußerungen zurückzuziehen. Golas Anwälte argumentieren, Saras Aussagen hätten nicht nur angedeutet, dass Golan eines hochverratsähnlichen Verbrechens schuldig sei, sondern auch sein tatsächliches Handeln am Tag des Angriffs vor Ort ignoriert.

Dieser Fall ist nur ein Teil der juristischen Offensive, die das Netanjahu-Lager in der Frage des 7. Oktober führt. Wie ABC News berichtet, hatte Netanjahu selbst zuvor seine Anwälte angewiesen, eine Verleumdungsklage gegen die israelische Zeitung Haaretz vorzubereiten. Haaretz hatte Anfang der Woche enthüllt, dass eine monatelange Untersuchung ergeben habe, Netanjahu sei rund anderthalb Wochen vor dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 vom Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate, Mohammed bin Zayed (MBZ), vor einem bevorstehenden Hamas-Anschlag gewarnt worden, habe die entsprechenden Informationen jedoch nicht an das israelische Sicherheitssystem weitergegeben. Netanjahu wies dies entschieden zurück und erklärte, es habe im September 2023 oder Anfang Oktober kein Telefongespräch mit MBZ gegeben. Haaretz erklärte hingegen, der Bericht beruhe auf einer langwierigen Recherche, und hält an seiner Darstellung fest. Eine unabhängige Überprüfung der Darstellung und der Dementis steht bislang aus; die Wahrheit bleibt ungeklärt.

In seiner Weigerung, eine unabhängige Untersuchung zuzulassen, zeigt sich Netanjahu ebenfalls unnachgiebig. Wie ABC News berichtet, behauptet er wiederholt, er sei am Tag des Angriffs von hochrangigen Vertretern des Verteidigungs- und Sicherheitsapparats „im Dunkeln gelassen" worden, und erklärte in einem kürzlichen Interview: „Die Frage ist, warum? Sie haben die Dinge die ganze Zeit vertuscht. Sie wussten genau, was ich tun würde – sie wussten, dass ich die Luftwaffe dorthin verlegen, die gesamte IDF mobilisieren würde; ich würde niemandem erlauben, sich dem Zaun [um Gaza] zu nähern; ich würde sie [die Hamas-Kämpfer] sofort eliminieren." Dieses „Deep State"-Narrativ – also die Behauptung, das Militär und die Geheimdienste hätten Netanjahu bewusst getäuscht und hintertrieben – taucht im Diskurs der Regierung immer wieder auf und hat eine offenkundige Funktion: die öffentliche Frage nach dem Versagen der Regierung und der obersten Führung in eine Anklage gegen das Sicherheitssystem umzulenken.

Wie ABC News berichtet, sind in Israel Wahlen für den 27. Oktober angesetzt. Mehrere politische Gegner Netanjahus – darunter der ehemalige Generalstabschef und derzeitige Vorsitzende der Partei „Jaschar", Gadi Eisenkot – haben zugesagt, im Falle eines Wahlsiegs eine unabhängige Untersuchung einzuleiten. Netanjahus politisches Schicksal ist unmittelbar mit der Frage der Aufarbeitung des 7. Oktober verknüpft. Unabhängig vom Wahlausgang wird die von Golan eingereichte Klage ihren Weg durch die israelische Justiz nehmen, und ob Saras Äußerungen rechtlich als Verleumdung gelten, werden die Gerichte entscheiden; auch Netanjahus Drohung, Haaretz zu verklagen, wird den Spielraum der israelischen Mainstream-Medien bei der Berichterstattung über die nationale Sicherheit und die Verantwortlichkeit erneut auf die Probe stellen.

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