Die Alternative für Deutschland: Aufstieg, Ideologie und die Zerreißprobe der deutschen Politik
Die Alternative für Deutschland (AfD) hat sich seit ihrer Gründung 2013 von einer eurokritischen Protestpartei zu einer der polarisierendsten politischen Kräfte des Landes entwickelt. Mit zweistelligen Wahlergebnissen in mehreren Bundesländern, der Einstufung von Teilorganisationen als gesichert rechtsextrem durch den Verfassungsschutz und kontroversen Positionen zu Migration, Russland und der europäischen Integration steht die Partei im Zentrum einer Debatte über die Zukunft der politischen Ord
Die Alternative für Deutschland wurde im Februar 2013 in Oberursel gegründet. Ihr ursprüngliches Anliegen war die Ablehnung der europäischen Rettungspolitik in der Staatsschuldenkrise, insbesondere der Hilfen für Griechenland. Die Gründer – darunter der Ökonom Bernd Lucke, der Publizist Konrad Adam und die frühere FAZ-Journalistin Frauke Petry – verorteten sich zunächst als wirtschaftsliberal und eurokritisch, nicht am rechten Rand des politischen Spektrums.
Schon in den ersten Jahren verschob sich das Profil der Partei jedoch erkennbar. Die Flüchtlingsbewegung des Jahres 2015 wurde zum entscheidenden Katalysator: Aus der Euro-Skepsis wurde eine fundamentale Migrationskritik, aus wirtschaftsliberaler Programmatik ein kulturkonservativer, später zunehmend völkisch geprägter Diskurs. Petry, die der Partei ab 2015 als Co-Vorsitzende ein nationalkonservatives Gesicht gab, wurde 2017 von einem offen rechtsnationalen Flügel um den Thüringer Björn Höcke und den früheren Bundestagsabgeordneten André Poggenburg verdrängt. Lucke hatte die Partei bereits 2015 nach internen Richtungskämpfen verlassen.
Heute ist die AfD in allen 16 deutschen Landesparlamenten vertreten und wurde bei mehreren Landtagswahlen – darunter in Thüringen, Sachsen-Anhalt und Sachsen – stärkste oder zweitstärkste Kraft. Auf Bundesebene liegt sie in Umfragen seit Jahren stabil zwischen 15 und 22 Prozent. Damit hat sich die Partei als dauerhafte Größe der deutschen Politik etabliert; die Hoffnung der Etablierten auf ein rasches Wiederabflauen des Protests hat sich als Illusion erwiesen.
Ideologisch vereint die AfD inzwischen sehr unterschiedliche Strömungen. Ein wirtschaftsliberaler Flügel, der an die Anfangsjahre anknüpft, steht einem nationalkonservativen Lager gegenüber, das etwa um die ehemalige Bundestagsfraktionsvorsitzende Alice Weidel und ihren Co-Vorsitzenden Tino Chrupalla gruppiert ist. Der formal aufgelöste, in der Praxis weiter einflussreiche „Flügel" um Höcke vertritt eine völkisch-ethnopluralistische Position, die mit dem Grundgesetz nur schwer vereinbar ist. Die Übergänge sind fließend, die innerparteilichen Konflikte chronisch – eine geschlossene Programmatik sucht man vergeblich.
Das Bundesamt für Verfassungsschutz stuft die AfD als Gesamtpartei seit Mai 2025 als gesichert rechtsextrem ein, nachdem zuvor bereits die Landesverbände in Thüringen, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Brandenburg als gesichert rechtsextrem sowie mehrere weitere als rechtsextremer Verdachtsfall geführt worden waren. Die Einstufung als Gesamtpartei zog ein Verfahren vor dem Bundesverfassungsgericht nach sich, in dem die AfD gegen die Beobachtung klagt. Unabhängig vom Ausgang dieses Verfahrens hat die Einstufung weitreichende Konsequenzen: erweiterte Befugnisse der Nachrichtendienste, mögliche Konsequenzen für Mandatsträger im öffentlichen Dienst und eine veränderte politische Diskurslage.
In der Migrationspolitik vertritt die AfD eine Position, die deutlich über die Positionen der Etablierten hinausgeht. Die Partei fordert „Remigration" im großen Stil, die Formulierung findet sich in offiziellen Programmen. Bundeskanzler Friedrich Merz hat diese Politik in der Bundestagsdebatte als „ethnische Säuberung" deutscher Fachkräfte bezeichnet – eine Zuspitzung, die den Bruch zwischen AfD und den Unionsparteien auch rhetorisch unterstreicht.
Außenpolitisch fällt die Partei durch eine ausgesprochen russlandfreundliche Haltung auf. Zahlreiche führende AfD-Politiker – darunter Mitglieder der Bundestagsfraktion – haben Verbindungen zu russischen Stellen gepflegt, die der Verfassungsschutz als Einflussnahme bewertet. Die Sanktionspolitik der EU gegenüber Moskau nach dem russischen Angriff auf die Ukraine lehnt die Partei ab oder relativiert sie. Diese Haltung steht in einem auffälligen Kontrast zur gleichzeitigen öffentlichen Unterstützung der Partei durch US-Präsident Donald Trump, der die AfD wiederholt lobte und ihre Wahlerfolge als Ausdruck berechtigter Unzufriedenheit der Wähler interpretierte.
Die zentrale innenpolitische Frage bleibt die nach einer möglichen Regierungsbeteiligung. Der sogenannte Brandmauer-Konsens – der Grundsatz, dass CDU/CSU, SPD, Grüne und FDP eine Zusammenarbeit mit der AfD auf allen Ebenen ausschließen – steht seit den Wahlerfolgen in Ostdeutschland unter Druck. Während Spitzenpolitiker der Union wie Merz und der bayerische Ministerpräsident Markus Söder den Konsens verteidigen, mehren sich auf kommunaler Ebene und in einigen Landesverbänden Stimmen, die eine Zusammenarbeit zumindest in Sachfragen nicht mehr ausschließen wollen. Eine tolerierte Minderheitsregierung der Union durch die AfD wäre verfassungsrechtlich möglich, politisch aber ein Tabubruch.
Die Frage, wie die etablierten Parteien mit der AfD umgehen, ist zugleich eine Frage an die Demokratie selbst. Die AfD profitiert nicht zuletzt von einer tiefgreifenden Unzufriedenheit mit der Leistungsfähigkeit des politischen Systems: steigende Migrationszahlen, eine als unzureichend empfundene innere Sicherheit, wirtschaftliche Stagnation in Teilen Ostdeutschlands und eine wahrgenommene Kluft zwischen politischer Klasse und Bürgern. Die historische Hypothek der Partei – ihre personellen, ideologischen und diskursiven Überschneidungen mit dem Rechtsextremismus – und die Unzufriedenheit, von der sie zehrt, sind zwei analytisch zu trennende Phänomene, die in der politischen Debatte häufig vermischt werden.
International ist die AfD in ein Netzwerk europäischer und US-amerikanischer rechter Bewegungen eingebunden. Verbindungen bestehen nach Ungarn zu Viktor Orbáns Fidesz, nach Frankreich zum Rassemblement National, nach Italien zur Fratelli d'Italia und in die USA zu Teilen der republikanischen Rechten. Trump unterstützt die Partei offen, ohne dass dies in Washington als Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines Verbündeten problematisiert würde – eine Asymmetrie, die in Berlin aufmerksam registriert wird.
Die kommenden Jahre werden zeigen, ob die AfD sich als dauerhafte Oppositionspartei konsolidiert oder den Sprung in die Regierungsverantwortung schafft. Sollte Letzteres gelingen, wäre dies ein Bruch mit der politischen Ordnung der Bundesrepublik, der seit ihrer Gründung 1949 ohne Beispiel ist. Die Weichen dafür werden in den ostdeutschen Landesverbänden gestellt, wo die Partei besonders stark ist und wo die Frage einer Regierungsbeteiligung am konkretesten wird.
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