Nach der Diagnose: Australische Krebspatienten zahlen Zehntausende Dollar aus eigener Tasche – das öffentliche System verlagert die Kosten auf Familien und Pflegende
Ein vom McCabe Centre for Law and Cancer im Auftrag des Cancer Council Victoria veröffentlichter Bericht nennt den Druck auf Krebspatienten ‚weitverbreitet'. Brustkrebspatientinnen zahlen trotz Privatversicherung rund 10.400 australische Dollar selbst; einzelne Befragte trugen Selbstbehalte bis 10.000 Dollar in zwei Jahren. Pflegende wie Tracey Bilsworth gaben über 100.000 Dollar aus. Die Monash-Universität erwartet Lohnverluste durch Brustkrebs von 1,4 Milliarden Dollar in zehn Jahren.
Ein neuer, im Auftrag des Cancer Council Victoria veröffentlichter Bericht beschreibt den rechtlichen und finanziellen Druck, dem Krebspatienten und ihre Pflegenetzwerke ausgesetzt sind, als ‚weitverbreitet' und richtet die Kritik gegen ein ‚komplexes, fragmentiertes und von der Realität abgekoppeltes' öffentliches System. Wie der australische Sender ABC berichtet, befragte das McCabe Centre for Law and Cancer mehr als 200 Krebspatienten, Pflegende und professionelle Unterstützungskräfte in Victoria. Die Erhebung ergab, dass einzelne Befragte innerhalb von rund zwei Jahren Selbstbeteiligungen von bis zu 10.000 australische Dollar auf sich häuften – darunter Facharztgebühren, Medikamente, Behandlungen, plastische Chirurgie sowie Fahrt- und Unterbringungskosten für Krankenhausbesuche. Die Forscher selbst räumten ein, dass die Stichprobe ‚klein' sei und Übertragungen auf andere Bundesstaaten oder größere Bevölkerungsgruppen weiterhin Vermutungen blieben.
Auch eine private Krankenversicherung bietet keinen Schutz. Nerolie Padefield, bei der 2024 Brustkrebs diagnostiziert wurde, erlebte nach Operation, Chemo- und Strahlentherapie eine Überraschung, als sie die verschiedenen Ausgaben in einer Tabellenkalkulation zusammenstellte. Gegenüber dem ABC sagte sie: ‚Die Kosten begannen bereits vor der Diagnose und endeten auch nach Abschluss der Behandlung nicht. Ich bezahle immer noch für meine frühere Krebserkrankung, und ich denke, das wird noch einige Jahre so weitergehen.' Für Facharztbesuche, Untersuchungen und Medikamente zahlte sie rund 10.400 australische Dollar aus eigener Tasche – und bezeichnete sich selbst als ‚glücklich', weil sie und ihr Mann beide arbeiteten und diese Kosten tragen konnten.
‚Eine Krebsdiagnose verändert das Leben, doch leider bringt sie auch unnötige rechtliche und finanzielle Belastungen mit sich', sagte Hayley Jones, Direktorin des McCabe Centre for Law and Cancer. Sie erklärte, dass viele Befragte nach dem Verlassen der Facharztpraxis ‚völlig überrumpelt' von den hohen Selbstbeteiligungen gewesen seien und einige Betroffene sich gezwungen sähen, Medikamente aus Kostengründen auszulassen. Auch Parkgebühren, diagnostische Untersuchungen und Medikamente führten zu unerwarteten Ausgaben.
Auf Seiten der Pflegenden sind die Kosten noch verborgener und langfristiger. Dem Bericht zufolge sind neun von zehn befragten Krebspatienten auf unbezahlte Pflegende angewiesen – und bei diesen handelt es sich am häufigsten um Frauen. Tracey Bilsworth pendelte während der 16-jährigen Krankheit ihres Mannes Jeff Smith an einem neuroendokrinen Tumor zwischen dem ländlichen Victoria und Melbourne und gab allein für Fahrt-, Unterbringungs- und Kinderbetreuungskosten mehr als 100.000 australische Dollar aus. Nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 2021 schrumpften ihre Altersvorsorgeersparnisse aufgrund gesunkener Einkünfte; bis heute kann sie nicht wie geplant in den Ruhestand gehen. ‚Damals denkt man nicht darüber nach, es ist das Letzte, worüber man sich Sorgen macht. Aber jetzt wirkt es sich auf mich aus', sagte sie.
Auf makroökonomischer Ebene zitiert der ABC eine aktuelle Studie der Monash-Universität, wonach Brustkrebs in den kommenden zehn Jahren Lohnverluste in Höhe von rund 1,4 Milliarden australische Dollar verursachen wird – eine Schätzung, die von deren Modellannahmen abhängt und einen erwarteten, noch nicht realisierten Verlust darstellt. Vicki Durston, Direktorin für Politik und Interessenvertretung beim Breast Cancer Network Australia, war an dem genannten Bericht nicht beteiligt, pflichtete jedoch bei: ‚Krebs verläuft nicht nach einem ordentlichen Zeitplan, und auch die Genesung verläuft nicht immer linear. Wir brauchen bessere arbeitspolitische Maßnahmen, die anhaltende Behandlungsnebenwirkungen und sich wiederholt verändernde Arbeitsfähigkeit anerkennen.' Sie betonte, dass der Krebs einem Menschen nicht gleichzeitig auch noch den Beruf rauben dürfe.
Der Bericht empfiehlt einen besseren Durchsetzungsschutz am Arbeitsplatz, eine krebsspezifische Schulung für Vorgesetzte sowie eine Reform des Altersvorsorgesystems (Superannuation), damit Patientinnen und Patienten handlungsorientierte Beratung erhalten. Ein Sprecher des Bundesministeriums für Gesundheit, Behinderung und Alter (Department of Health, Disability and Ageing) verwies in seiner Antwort gegenüber dem ABC jedoch lediglich auf bestehende Programme wie den Patient Travel Scheme, das Australian Cancer Nursing and Navigation Program sowie die Leistungen von Services Australia – ohne sich zu strukturellen Reformen oder neuen finanziellen Unterstützungen zu verpflichten. Inwieweit diese bestehenden Programme die Selbstbeteiligungen der Patientinnen und Patienten tatsächlich abdecken, wurde in der ursprünglichen Berichterstattung nicht beziffert.
Padefield sagte: ‚Man plant einen Urlaub, aber man plant keine Krebserkrankung.' Jones zieht das Fazit mit Blick auf das System selbst: ‚Wenn wir unser System verbessern, könnten die Menschen ein glücklicheres und sinnvolleres Leben führen, ohne neben der Bewältigung gesundheitlicher Probleme auch noch finanziellen und rechtlichen Druck ertragen zu müssen.'
Noch keine Kommentare. Starten Sie die Diskussion.