Pilotprojekt mit Bargeld ohne Auflagen im Amazonas: Fast 90 Prozent der Teilnehmenden ergreifen Umweltmaßnahmen – ökologische Wirkung noch zu prüfen
Laut The Guardian hat die britische Wohlfahrtsorganisation Cool Earth im Raum Asháninka in Peru ein zweijähriges Pilotprojekt durchgeführt und dabei sechsmal je 1.032 Peruanische Soles an 211 Menschen in drei Gemeinden ausgezahlt. Nach Schätzungen des Projekts entspricht dies etwa zwei Pfund pro Tag, ohne dass die Teilnehmenden die Verwendung nachweisen mussten. Laut Bericht unternahmen fast 90 Prozent der Teilnehmenden Maßnahmen wie Wiederaufforstung, die Wiederherstellung von Wasserquellen und
Laut The Guardian hat ein Team der Universität Bath ein Pilotprojekt mit Bargeld ohne Auflagen ausgewertet, das im Asháninka-Gebiet im Amazonas von Peru durchgeführt wurde. Über zwei Jahre zahlte die britische Wohlfahrtsorganisation Cool Earth in drei Gemeinden sechsmal je 1.032 Peruanische Soles an 211 Menschen; nach Schätzungen des Projekts entspricht dies etwa zwei Pfund pro Tag. Die Teilnehmenden konnten selbst entscheiden, wofür sie das Geld verwenden, und mussten keine Verwendung nachweisen.
Der Bericht hält fest, dass fast 90 Prozent der Teilnehmenden im Pilotzeitraum Maßnahmen zur gemeinschaftlichen Wiederaufforstung, zur Wiederherstellung wichtiger Wasserquellen und zur Verringerung von Waldbränden ergriffen. Der Bericht erfasst außerdem zwei Veränderungen bei den Lebensgrundlagen: Der Anteil der Familien, die sich keine nährstoffreichen Lebensmittel leisten konnten, sank von 73 auf 26 Prozent, und der Anteil der Teilnehmenden, die auf Arbeitssuche ihr Zuhause verlassen mussten, sank von 43 auf 18 Prozent. Mitautor Dr. Nick Landridge ist der Ansicht, dass ein höheres Maß an wirtschaftlicher Sicherheit und Autonomie die Menschen besser in die Lage versetzt, die Ökosysteme zu schützen, von denen ihr Überleben abhängt. Die Projektautoren halten außerdem fest, dass erstmals eine derartige bedingungslose Grundeinkommensunterstützung an indigene Gemeinschaften im Amazonas gezahlt wurde.
Das Pilotprojekt erfasste nicht nur Umweltverhalten, sondern auch Lebensgrundlagen. Es wurde gemeinsam mit örtlichen Frauengruppen entworfen und umfasste zusätzlich von den Gemeinschaften geleitete Bildungsangebote zu Finanzen, Waldschutz und Klimawandel; die Teilnahme an diesen Bildungsangeboten war freiwillig. Die Teilnehmenden konnten selbst entscheiden, wie sie das Bargeld verwenden, und der Erhalt der Unterstützung war nicht an die Erfüllung von Bedingungen geknüpft, die von externen Institutionen festgelegt worden waren. Hauptautor Dr. Neil Howard argumentiert, diese Regelung reduziere die wirtschaftlichen Anreize, Land zu entwickeln oder aufzugeben, und ermögliche es den Ureinwohnenden zudem, auf würdevollere Weise im Mittelpunkt der Schutzpolitik zu stehen. Seiner Ansicht nach steht dies im scharfen Kontrast zu den Schutz- und Ureinwohnerpolitiken der Kolonialzeit.
The Guardian ordnet das Projekt in die breitere Debatte über Bargeldtransfers ein. Brasiliens staatliches Familienwohlfahrtsprogramm ist an die Bildung der Kinder gebunden, während das grüne Bargeldprogramm die Erfüllung bestimmter Schutzaktivitäten verlangt. Bedingte Zahlungen knüpfen die Mittel an vorgegebenes Verhalten, lösen aber auch institutionelle Kontroversen aus: Von externen Institutionen definierte Schutzziele können den eigenen Lebensentscheidungen der Gemeinschaften zuwiderlaufen. Der zentrale Unterschied des Pilotprojekts zu diesen Systemen besteht darin, dass die Gemeinschaften Unterstützung erhalten, ohne zuvor nachweisen zu müssen, externen Standards zu entsprechen.
Bedingungsloses Bargeld ist nicht per se für Wälder von Vorteil. Andere Wissenschaftler warnen davor, dass ähnliche Projekte in einigen Gebieten durch zusätzliche Einkommen die Landwirtschaft ausweiteten; entsprechende Studien haben eine Zunahme der Entwaldung verzeichnet. The Guardian weist außerdem darauf hin, dass in Teilen des Amazonas mit Bargeld Motorräder und Autos gekauft wurden, wodurch der Bedarf an Straßen zunahm. Bei einer Ausweitung des Projekts muss deshalb evaluiert werden, ob landwirtschaftliche Expansion und zusätzlicher Straßendruck die Waldschutzmaßnahmen der Gemeinschaften aufheben könnten. Eine Bewertung darf sich dabei nicht lediglich auf die Zahl der Wiederaufforstungs- oder Maßnahmen zur Feuerreduzierung beschränken.
Die vorliegenden Belege haben deutliche Grenzen. Das Pilotprojekt dauerte zwei Jahre und umfasste etwas mehr als 500 Hektar Wald. Die Studie maß weder Veränderungen der Vegetation noch der Bodenqualität und berücksichtigte nicht die Auswirkungen anderer Projekte auf das Verhalten der Gemeinschaften. Da in das Pilotprojekt außerdem freiwillige Bildungsangebote integriert waren, kann nicht der gesamte Befund, dass fast 90 Prozent der Teilnehmenden entsprechende Maßnahmen ergriffen, auf das Bargeld zurückgeführt werden. Die Größe von zwei Jahren, drei Gemeinden und 211 Personen reicht zudem nicht aus, um andere indigene Gruppen im Amazonas oder die unterschiedlichen Landnutzungs pressures in verschiedenen Regionen repräsentativ abzubilden.
Das Pilotprojekt berührt außerdem die Verteilung von Schutzkosten und Entscheidungsmacht. Indigene Länder stehen unter Druck durch Bergbau, Holzfällung, landwirtschaftliche Expansion und Landraub. Wenn externe Finanzierung an die Verringerung der Rodung oder die Erfüllung festgelegter Schutzaktivitäten als Bezugsbedingung geknüpft wird, bleibt die Entscheidungsgewalt über die Nutzung der Wälder möglicherweise in den Händen der Geber, während die Schutzverantwortung bei den Menschen liegen könnte, deren Lebensgrundlage am stärksten vom Wald abhängt. The Guardian berichtet, dass örtliche Frauengruppen an der gemeinsamen Gestaltung beteiligt waren, erläutert aber nicht, wie Budgets, Evaluationsdaten und die endgültige Entscheidungsgewalt verteilt sind. Es fehlen überprüfbare Informationen dazu, ob das Projekt die Machtverhältnisse in kolonialen Schutzmodellen tatsächlich verändert hat.
Vor einer Ausweitung des Projekts müsste die Studie zumindest länger nachverfolgt werden und eine größere Stichprobe einbeziehen, direkt messen, wie sich Vegetation, Boden und Waldbrandgeschehen verändern, gleichzeitig erfassen, ob landwirtschaftliche Expansion, Fahrzeugkäufe und Straßenbau die Waldschutzmaßnahmen aufheben, und klären, welche Kontrolle die Gemeinschaften über Budgets, Forschungsdaten und die Auslegung der Ergebnisse haben. Die Projektautoren räumen ebenfalls ein, dass größere Studien erforderlich sind. All diese Faktoren sollten in dieselbe Evaluation aufgenommen werden, um kurzfristige Verhaltensänderungen von langfristigen ökologischen Wirkungen zu unterscheiden und zu beurteilen, ob bedingungsloses Bargeld die Selbstbestimmung der Gemeinschaften über ihr Land und ihre Zukunft gestärkt hat.
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