„Rhetorik und Wirkung klaffen weit auseinander“: Britische Israel-Sanktionen in eigener Presse kritisiert, Haaretz enthüllt Netanjahus Vorwissen
Ein Leitartikel der britischen Times kritisiert die Sanktionen der Regierung gegen israelische Siedler im Westjordanland als unvereinbar mit ihrer „dramatischen Rhetorik“ und womöglich „äußerst kontraproduktiv“. Zudem könnten sie in Großbritannien „die Flammen des Antisemitismus anfachen“. Zugleich berichtet eine Haaretz-Recherche, Netanjahu sei vor dem Angriff vom 7. Oktober 2023 über einschlägige Erkenntnisse informiert worden und habe mit „Überdruss und Gleichgültigkeit“ reagiert.
Die britische Times nahm am 9. in einem Leitartikel die Sanktionen der Regierung gegen israelische Siedler im Westjordanland ins Visier. Sie stünden nicht im Einklang mit der „dramatischen Rhetorik“ und könnten sich als „äußerst kontraproduktiv“ erweisen, hieß es dort. Zugleich warnte die Zeitung, der Schritt werde in Großbritannien „die Flammen des Antisemitismus anfachen“, und urteilte, die Maßnahmen würden „den Palästinensern nicht helfen“. Diese scharfe Kritik aus einer führenden britischen Zeitung bringt die Regierung in eine heikle Lage: Sie tritt beim israelisch-palästinensischen Konflikt mit markigen Worten auf, während heimische Medien ihre Politik als inhaltsleer bewerten.
Ausgelöst wurde die innenpolitische Kontroverse durch die zuvor verkündeten Sanktionen des britischen Außenministers Ed Miliband. Dem Independent zufolge bezeichnete Miliband Israels fortgesetztes Vorgehen im Westjordanland als „ethnische Säuberung“ und dortige Siedler als „Siedlerterroristen“. Darüber hinaus erklärte er die Besetzung des Westjordanlands insgesamt für rechtswidrig. Die Titelseite der Zeitung i berichtete unter der Überschrift: „Großbritannien wirft Siedlern ethnische Säuberung vor – Israel außer sich“.
Der Leitartikel der Times hielt dagegen, die tatsächliche Wirksamkeit der Maßnahmen sei zweifelhaft. Zwischen der Milde der Sanktionen und der Schärfe der verwendeten Sprache bestehe eine offenkundige Kluft.
Die konkreten Kosten der Sanktionen könnten bereits sichtbar werden. Wie i berichtete, droht Großbritannien nach der Verhängung eines Importverbots ein eingeschränkter Zugang zu israelischen Geheimdienstinformationen. Damit steht die für ihren harten Ton bekannte britische Regierung angesichts der praktischen Interessen in der Sicherheitszusammenarbeit vor einer realen Abwägung.
Milibands Ankündigung löste zudem heftigen Widerspruch in der jüdischen Gemeinschaft des Landes aus. Der britische Oberrabbiner bezeichnete den Tag, an dem die Sanktionen bekannt gegeben wurden, als „einen wahrhaft dunklen Tag für britische Juden“. Miliband antwortete umgehend mit einem Verweis auf seine eigene Identität und betonte seine jüdische Herkunft; er sei ein „stolzer britischer Jude“. Beide Seiten beriefen sich in derselben Frage auf ihre Identität, gelangten jedoch zu völlig gegensätzlichen Schlussfolgerungen.
Während Großbritannien erbittert über seine Nahostpolitik streitet, wird in den israelischen Medien eine andere Debatte über politische Verantwortung geführt. Eine Recherche von Haaretz enthüllte, dass Ministerpräsident Benjamin Netanjahu bereits vor dem Angriff vom 7. Oktober 2023 über einschlägige Geheimdienstinformationen unterrichtet worden sei. Berichten zufolge habe er mit „Überdruss und Gleichgültigkeit“ reagiert. In einem Leitartikel mit der Überschrift „Netanjahu wusste Bescheid“ hielt Haaretz an den Vorwürfen fest und führte seine Verantwortung auf die Jahre vor dem Angriff zurück, als er der Darstellung zufolge zuließ, dass die Hamas finanzielle Unterstützung erhielt.
Die israelische Nachrichtenseite Ynet zeigte sich von den Erkenntnissen von Haaretz nicht überrascht. Sie seien „ein weiterer Eintrag in der Reihe von Warnsignalen vor dem 7. Oktober“, würden sich aber nach Einschätzung des Mediums nicht auf die Wahlen in Israel auswirken. Haaretz kam zum gegenteiligen Schluss: Nach „drei Jahren der Lügen und des Blutvergießens“ könnten die Enthüllungen für unentschlossene Wähler zum entscheidenden Moment werden.
Haaretz kündigte an, weiter nach der Verantwortung jener zu fragen, die informiert waren; die Times wiederum richtet den Blick auf die tatsächliche Wirkung der Sanktionen der eigenen Regierung. Nach den zeitgleichen Angriffen beider Zeitungen bleibt offen, welche praktische Wirkung die Sanktionen entfalten und welchen politischen Preis die zuvor Informierten zahlen werden.
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