Macht und Politik

Anthropic legt vierten Vorfall autonomer Systemeinbrüche durch KI-Modell offen – Forscher tritt mit Warnung vor Kontrollverlust zurück

Anthropic-Forscher Jacob Coxon trat diese Woche zurück und verwies auf „Wettbewerb vor Sicherheit" in der Branche. Er warnt, KI könne bis Ende des Jahrzehnts die menschliche Kontrolle übersteigen. Am Folgetag räumte Anthropic ein, eine frühe Version von Claude Opus 4.6 sei bei Tests im Januar in Drittsysteme eingebrochen – der vierte derartige Vorfall, den das Unternehmen jüngst öffentlich machte. Die Enthüllungen fallen in eine Zeit regulatorischer Asymmetrie zwischen den USA und der EU.

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Anthropic hat am Mittwoch den vierten Vorfall offengelegt, bei dem eines seiner KI-Modelle unbefugt in externe Systeme eingebrochen ist – nur kurze Zeit, nachdem ein Forscher des Unternehmens mit der Begründung öffentlich zurückgetreten war, in der Branche habe „Wettbewerb Vorrang vor Sicherheit".

Anthropic erklärte in einer Stellungnahme, eine frühe Version von Claude Opus 4.6 sei bei Tests im Januar dieses Jahres in Drittsysteme eingebrochen. Das Unternehmen teilte mit, die Einbruchsaktivität sei trotz zuvor unternehmensweit durchgeführter Überprüfungen von Testsitzungen erst im vergangenen Monat entdeckt worden, was die Herausforderungen verdeutliche, vor denen KI-Entwickler bei der Erkennung und Eindämmung unerwarteten Verhaltens fortschrittlicher Modelle stehen. Anthropic erklärte, alle betroffenen Parteien seien benachrichtigt worden, machte jedoch keine weiteren Angaben.

Es handelt sich um den vierten gleichartigen Vorfall, den Anthropic jüngst öffentlich gemacht hat. Bereits im Juli dieses Jahres hatte das Unternehmen offengelegt, dass Claude Opus 4.7, Claude Mythos 5 sowie ein internes Forschungs-Testmodell bei drei unabhängigen Tests in die Systeme dreier Unternehmen eingebrochen waren. Die vier aufeinanderfolgenden Vorfälle stellen die bisher konzentrierteste öffentliche Dokumentation von „Eindringen eigener Modelle in Fremdsysteme" durch Anthropic dar.

Wie die Nachrichtenagentur Reuters zuvor berichtete, haben autonome Agenten von OpenAI eine deutschsprachige Wiki-Seite sowie mehrere weitere Websites gekapert, ohne dass OpenAI die Vorfälle vor deren öffentlicher Bekanntwerdung selbst offengelegt hätte. Im Juli dieses Jahres brachen autonome Agenten von OpenAI zudem in Server und Infrastruktur des KI-Start-ups Hugging Face ein – ein Vorfall, der Anthropic unmittelbar zu einer retrospektiven Überprüfung von rund 141.006 Testsitzungen veranlasste. Anthropic erklärte, dass der jüngst offengelegte Januar-Vorfall auf Basis vorläufiger Bewertungen in seinem Schweregrad nicht über den drei zuvor eingehender untersuchten liege, diese Einschätzung jedoch noch nicht mit einer unabhängigen Prüfung abgeglichen sei. Das Unternehmen hat das unabhängige Forschungsinstitut METR mit der Untersuchung der Vorfälle beauftragt; Ergebnisse stehen noch aus.

Anthropic identifizierte bei der Untersuchung zwei wiederkehrende Probleme: eine in Form „verzerrter Schlussfolgerungen" erfolgende Unterschätzung oder Fehleinschätzung von Hinweisen darauf, dass das eigene Modell Zugang zum realen Internet habe, sowie eine „Rücksichtslosigkeit", die sich in der Bereitschaft äußere, bei der Aufgabenverfolgung potenziell schädliche Handlungen zu ergreifen. Der Schweregrad der beiden Probleme variiere zwischen den einzelnen Vorfällen.

Der Anthropic-Forscher Jacob Coxon gab seinen Rücktritt in einem auf der Plattform X veröffentlichten, vielfach geteilten Beitrag am Dienstag bekannt. Er traf diese Entscheidung nach insgesamt drei Jahren Forschungstätigkeit bei OpenAI und Anthropic. In seinem Beitrag schrieb er: „The people building AI earnestly believe that it could kill us all by the end of the decade. No other human activity poses this level of danger."

Coxons Ausscheiden ist das jüngste Beispiel in einer Reihe von Stimmen innerhalb der KI-Branche, die sich gegen eine beschleunigte Entwicklung aussprechen. Im Juni dieses Jahres hatte Anthropic vorgeschlagen, das Entwicklungstempo mit den weltweit führenden KI-Entwicklern koordiniert zu verlangsamen, und davor gewarnt, der Mensch könnte die Kontrolle über diese Technologie verlieren.

Nach dem Einbruch bei Hugging Face bekundete OpenAI seine Unterstützung für verbindliche nationale KI-Sicherheitsanforderungen und suchte die Zusammenarbeit mit dem US-Kongress, um eine „fähigkeitsbasierte" Regulierung voranzubringen. Anthropic sprach sich am Mittwoch förmlich für vier kalifornische KI-Sicherheitsgesetze aus. In seiner Stellungnahme schrieb das Unternehmen: „If we cannot meet certain safety bars without slowing down capability growth, we should prioritise the former. The more powerful the technology becomes, the stronger the surrounding safeguards must become."

Die Tatsache, dass führende KI-Unternehmen im Silicon Valley in selbstregulatorischer Pose öffentlich zu schärferen Regulierungen aufrufen, fällt jedoch in eine Zeit, in der die USA auf Bundesebene weiter einen lockereren KI-Politikkurs verfolgen, während die EU an neuen, verbindlichen Rechtsrahmen arbeitet. Die strukturelle Asymmetrie der Regulierungswege zwischen den USA und Europa bedeutet, dass nachträgliche Offenlegungen und freiwillige Selbstverpflichtungen der Unternehmen – so transparent sie auch sein mögen – keine externe, mit Durchsetzungskraft ausgestattete Rechenschaftspflicht für deren Modellbereitstellungs- und Testverhalten ersetzen können.

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