Welt und Sicherheit

Äthiopien plant Zusammenlegung von Premierminister- und Präsidentenamt: Legitimer Mantel für Abiys Machtausweitung

Ein nationaler Dialog in Äthiopien mit rund 4.000 Delegierten empfahl, das derzeit weitgehend zeremonielle Präsidentenamt in den Mittelpunkt der politischen Macht des Landes zu rücken. Die Opposition hatte den Prozess jedoch vollständig boykottiert, mehrere bewaffnete Gruppen fehlten, und in zahlreichen Konfliktregionen konnte bei der Parlamentswahl im Juni nicht abgestimmt werden.

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Dem Bericht der Deutschen Welle zufolge steht dem äthiopischen Premierminister Abiy Ahmed eine Verfassungsreform bevor, die die Grenzen seiner Macht grundlegend verändern könnte. Nach wochenlangen Beratungen im Rahmen eines nationalen Dialogs diskutierten rund 4.000 Delegierte in Addis Abeba über zentrale Themen wie die staatliche Struktur, die ethnischen Beziehungen, die Rechtsstaatlichkeit und die Menschenrechte. Am Ende empfahlen sie, das Amt des Premierministers mit dem des Präsidenten zusammenzulegen und das bisher weitgehend zeremonielle Präsidentenamt in den Mittelpunkt der politischen Macht des Landes zu rücken.

Abiy selbst nahm nicht an diesen Sitzungen teil, würde aber der größte Nutznießer sein, falls die Reform umgesetzt wird. Auch die entscheidenden Voraussetzungen sind bereits gegeben: Abiy hatte die Parlamentswahl im Juni mit überwältigender Mehrheit gewonnen, und seine Wohlstandspartei verfügt im Parlament über die für eine Verfassungsänderung erforderliche Mehrheit.

Allerdings war die Repräsentativität dieses sogenannten „nationalen Dialogs" von Anfang an schwerwiegend umstritten. Die Oppositionsparteien boykottierten den gesamten Prozess, und auch bewaffnete Gruppen mit wichtigen politischen Anliegen entsandten keine Vertreter. Obwohl einige dieser Bewegungen durchaus fragwürdig sind, bedeutet dies, dass all jene politischen Kräfte, die den aktuellen Konflikten in Äthiopien am engsten verbunden sind, abwesend waren.

Die Deutsche Welle zitiert den britischen Journalisten und Äthiopien-Experten Martin Plaut mit den Worten: „Ohne die Beteiligung von Opposition und bewaffneten Gruppen fehlt diesem Prozess die Unterstützung derjenigen Gruppen, die sich vom bestehenden System entfremdet fühlen." Er spricht unverblümt von einer „Gummistempel-Aktion" und erklärt: „Ich bin sicher, dass der Premierminister bekommen wird, was er will."

Der äthiopische Bürgerrechtsaktivist und politische Kommentator Befekadu Hailu ist ebenfalls kritisch und vertritt die Auffassung, dass die Reform im Wesentlichen „auf der eigenen Vision der Wohlstandspartei" beruhe. Noch direkter erklärt er: „Niemand glaubt, dass es in Äthiopien jemals demokratische Wahlen gegeben hat." Diese Einschätzung verweist auf die jüngste Parlamentswahl selbst – in mehreren Konfliktregionen konnte die Stimmabgabe nicht durchgeführt werden, und die Oppositionsseite berichtete von Einschränkungen und Repression.

Zwischen prozeduraler und demokratischer Legitimität

Die zentrale Unterscheidung, die Hailu hervorhebt, ist genau der Bruch zwischen prozeduraler und demokratischer Legitimität. Er weist darauf hin, dass die bestehenden politischen Institutionen Äthiopiens zwar über die „prozedurale Legitimität" verfügen, um solche Reformen voranzutreiben, dass es ihnen aber an breiter „demokratischer Legitimität" mangelt. Das Parlament mag durchaus befugt sein, im legislativen Verfahren die Verfassung zu ändern und ein Präsidialsystem einzuführen, doch seine Repräsentativität bleibt lückenhaft. Welchen Grad an Legitimität eine Mehrheit beanspruchen kann, die aus einer Wahl hervorgegangen ist, die in Konfliktregionen nicht stattfinden konnte und bei der die Opposition unterdrückt wurde, ist eine offene Frage.

Seit seinem Amtsantritt 2018 hat Abiy seine Macht schrittweise gefestigt. Die 2019 auf Betreiben Abiys gegründete Wohlstandspartei, die aus dem Zusammenschluss mehrerer Bündnispartner hervorging, hat die politische Landschaft des Landes bereits deutlich verändert und den Handlungsspielraum der Opposition erheblich eingeschränkt. Abiy kontrolliert zudem das Militär und die Sicherheitsorgane. Plaut erklärt unumwunden, dass der Spielraum für eine „Machtübernahme" durch ein neues System tatsächlich bereits äußerst begrenzt sei. Seiner Ansicht nach ist die geplante Reform weniger eine Übertragung von Macht auf eine Einzelperson als vielmehr eine „formelle Festschreibung des bereits bestehenden Zustands".

Hailu warnt aus einem anderen Blickwinkel: „Ein Präsidialsystem rutscht leichter in die Diktatur ab."

Pflaster auf klaffender Wunde

Unabhängig davon, wie viel Macht der neue Präsident auch immer haben mag, lassen sich die tiefgreifenden Krisen Äthiopiens nicht durch institutionelle Anpassungen lösen. Die bewaffneten Konflikte in Oromia und Amhara dauern weiter an; der Tigray-Krieg von 2020 bis 2022 hat tiefe politische und gesellschaftliche Wunden hinterlassen, und viele politische und territoriale Fragen sind trotz scheinbar vielversprechender Friedensinitiativen weiterhin ungelöst. Fast die Hälfte der Bevölkerung lebt nach wie vor unter der Armutsgrenze.

Plaut zieht einen scharfen Vergleich: Die geplante Reform sei nicht mehr als „ein Pflaster auf einer klaffenden Wunde". Seiner Meinung nach greift die Reform das eigentliche Kernproblem nicht an – die Beziehung zwischen der Zentralregierung in Addis Abeba und den über 80 Ethnien Äthiopiens. Frühere Versuche, die Spannungen zwischen Zentrum und Peripherie zu entschärfen, sind allesamt gescheitert. Seiner Ansicht nach müsse die Zentralregierung zunächst die grundlegenden Konflikte mit den einzelnen Ethnien und Regionen lösen.

Eine Verfassungsreform, die aus einem Dialog unter Ausschluss der Opposition hervorgegangen ist und deren prozedurale Rückendeckung auf einer Wahl mit lückenhafter Repräsentativität beruht, mag als „nationale Einheit" oder als Versprechen einer „starken Führung" verpackt werden – doch was sie umgeht, ist genau die eigentliche Quelle der politischen Krise Äthiopiens: wie die Macht zwischen Zentrum und Ethnien verteilt wird und wer das Recht hat, über diese Verteilung mitzubestimmen.

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