Welt und Sicherheit

Britisch-israelische Beziehungen auf historischem Tiefpunkt: Koloniales Erbe und Gazakrieg im Hintergrund des Jerusalemer Konsulatsstreits

Israel ordnete im vergangenen Monat an, dass London sein Generalkonsulat im besetzten Ost-Jerusalem innerhalb von 30 Tagen schließen müsse – als Vergeltung für britische Sanktionen gegen Waren aus illegalen Siedlungen im Westjordanland. Beim Ablauf der Frist einigten sich beide Seiten auf einen Last-Minute-Kompromiss. Diese jüngste Reibung fällt in den Kontext eines Jahrhunderts kolonialen Erbes der britisch-israelischen Beziehungen – von der Balfour-Erklärung bis zum aktuellen Gazakrieg – und l

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Das britische Konsulat in Jerusalem firmiert nicht mehr unter diesem Namen. Wie Al Jazeera berichtete, ordnete Israel im vergangenen Monat an, dass London sein Generalkonsulat im besetzten Ost-Jerusalem innerhalb von 30 Tagen schließen müsse – als Vergeltung für die britischen Sanktionen gegen Waren aus illegalen Siedlungen im Westjordanland. Andernfalls werde man den britischen Diplomaten vor Ort den diplomatischen Status entziehen, hieß es. Als die Frist ablief, einigten sich beide Seiten auf einen Last-Minute-Kompromiss: Das Gebäude wird in „Britische Mission in Jerusalem" umbenannt, sieben britische Diplomaten verbleiben zur Arbeit vor Ort, während 20 weitere – darunter der Generalkonsul – Israel verlassen.

Der britische Außenminister David Miliband betonte, Großbritannien akzeptiere nicht das Recht Israels, dieses Konsulat zu schließen – das Gebäude befinde sich seit fast zwei Jahrhunderten in britischem Besitz. Doch dieser Zwischenfall ist bei Weitem kein isolierter Tiefpunkt in den Beziehungen der beiden Länder. Wie Al Jazeera in einer Rückschau darstellt, zieht sich die historische Schuld der britisch-israelischen Beziehungen wie ein roter Faden von einem Brief aus dem Jahr 1917 bis zum Konsulatsstreit des Jahres 2026.

Der Ausgangspunkt des kolonialen Erbes: Die Balfour-Erklärung und die Mandatsherrschaft

Die Verstrickungen Großbritanniens mit Israel lassen sich auf einen einzigen Brief zurückführen. Am 2. November 1917 wandte sich der damalige Außenminister Arthur Balfour in einem Schreiben an Lord Rothschild und erklärte, die britische Regierung „begünstige" die Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina, sofern die bürgerlichen und religiösen Rechte der bestehenden nichtjüdischen Gemeinschaften nicht beeinträchtigt würden. Großbritannien übernahm daraufhin im Auftrag des Völkerbunds das Mandat über Palästina. In den 1940er-Jahren richteten zionistische bewaffnete Organisationen ihre Waffen schließlich gegen die britischen Behörden selbst.

Am 22. Juli 1946 schleusten Mitglieder der Irgun, die sich als Hotelpersonal verkleidet hatten, rund 350 Kilogramm Sprengstoff in den Keller des King David Hotel in Jerusalem. Das Gebäude diente damals als Sitz des Sekretariats der palästinensischen Regierung und des Hauptquartiers der britischen Streitkräfte in Palästina und Transjordanien. Der Irgun-Führer Menachem Begin befahl die Explosion; 91 Menschen kamen dabei ums Leben, darunter 41 Araber, 28 Briten, 17 Juden und fünf weitere Personen. Begin wurde später israelischer Ministerpräsident. Ob die Irgun im Vorfeld telefonisch eine Evakuierungswarnung übermittelte und ob diese Warnung wirksam empfangen wurde, ist bis heute umstritten: Die Briten behaupten, die Warnung habe keinen einzigen zuständigen Beamten erreicht; die Irgun erklärte ihrerseits, die Hotelleitung habe die Drohung nicht ernst genommen. Die einzige unbestrittene Tatsache ist, dass das Gebäude nicht rechtzeitig evakuiert wurde.

Am Rand eines Krieges: Der Luftzwischenfall von 1949

Im Mai 1948 zog sich Großbritannien aus Palästina zurück, woraufhin Israel seine Unabhängigkeit ausrief. Im darauffolgenden Krieg gegen die benachbarten arabischen Staaten kam es beinahe zu einer direkten militärischen Konfrontation zwischen britischen und israelischen Streitkräften. Als die israelische Armee Ende 1948 auf ägyptisches Territorium in den Sinai vorstieß, warnte das US-Außenministerium Israel, dass Großbritannien andernfalls seine Verpflichtungen aus dem anglo-ägyptischen Vertrag von 1936 erfüllen werde; die israelischen Truppen zogen sich daraufhin zurück. Am 7. Januar 1949 schoss die israelische Luftwaffe im vermeintlich ägyptischen Luftraum vier Spitfire-Jagdflugzeuge und eine Hawker Tempest der Royal Air Force ab, wobei zwei britische Piloten getötet wurden, darunter der Tempest-Pilot David Tattersfield. Israel erklärte, die Piloten hätten die britischen Flugzeuge irrtümlich für ägyptische gehalten. Der genaue Ort des Vorfalls ist bis heute nicht eindeutig geklärt; einige Quellen verorten ihn in die Nähe von Deir al-Balah im heutigen Gazastreifen – damals etwa 25 Kilometer innerhalb ägyptischen Territoriums.

Über die Frage, wie nahe beide Seiten tatsächlich an einem Krieg waren, sind sich Historiker uneins. Einige vertreten die Auffassung, Großbritannien habe einen Konflikt bewusst vermieden und nie ein formelles Ultimatum gestellt. Wie auch immer: Die völkerrechtliche Anerkennung Israels durch Großbritannien erfolgte erst im April 1950.

Doppelstandards des Jahres 1982: Libanon und Falkland

Im Jahr 1982 geriet Israel an zwei Fronten gleichzeitig mit Großbritannien in heftige Reibereien. Nach der israelischen Invasion im Libanon im Juni dieses Jahres trieb Premierministerin Thatcher ein Waffenausfuhrverbot gegenüber Israel voran; das Embargo hielt bis 1994 an. Während der Raketenangriffe des Iraks auf Tel Aviv im Zweiten Golfkrieg 1991 weigerte sich Großbritannien sogar, Israel Gasmasken zu liefern.

Im selben Jahr führte Großbritannien mit Argentinien den Krieg um die Falklandinseln – während Israel Argentinien Waffen lieferte. Wie aus freigegebenen britischen Archivdokumenten hervorgeht, sollen die von Israel gelieferten Kampfflugzeuge vom Typ Skyhawk Dutzende britische Soldaten das Leben gekostet haben. Außenminister Howe wandte sich persönlich an Israel mit der Bitte, die Lieferungen einzustellen – vergeblich. Israelische Waffen gelangten zudem über Umwege durch Peru nach Argentinien, um die britische Aufmerksamkeit zu umgehen. Israel bestritt zunächst jede Verwicklung und räumte 1984 ein, die Lieferungen seien zur Aufrechterhaltung seiner Rüstungsindustrie erfolgt. Britische Beamte vermuteten weitere Motive – ihrer Einschätzung nach hatte der damalige Ministerpräsident Begin die alten Reibereien aus der Mandatszeit noch nicht verwunden.

Der Gazakrieg: Der Wendepunkt im Zerfall der Beziehungen

Wie Al Jazeera berichtet, sind seit dem Ausbruch der Kämpfe in Gaza im Oktober 2023 über 74.000 Menschen durch israelische Luftangriffe und die Blockade ums Leben gekommen, darunter etwa 1.400 Tote nach einem sogenannten einjährigen Waffenstillstand; unter den Opfern sind überwiegend Frauen und Kinder. Im September 2024 setzte Großbritannien 30 Waffenexportlizenzen gegenüber Israel aus; im Mai 2025 wurden Handelsverhandlungen ausgesetzt und Sanktionen gegen Personen und Unternehmen verhängt, die mit Siedlergewalt in Verbindung stehen; im September 2025 erfolgte die offizielle Anerkennung des palästinensischen Staates.

Miliband – selbst jüdischer Herkunft – erklärte im Parlament, Großbritannien betrachte nun die israelische Besatzung des Westjordanlands (und nicht nur die Siedlungen selbst) als illegal und sagte offen, Teile des Westjordanlands erlebten eine „ethnische Säuberung" durch die Siedler. Der israelische Minister für nationale Sicherheit, Ben-Gvir, warf daraufhin dem britischen Konsulat vor, für die Palästinensische Autonomiebehörde tätig zu sein, und forderte Ministerpräsident Netanjahu auf, die Einrichtung zu schließen. Israels Außenminister Gideon Sa'ar wies die Verantwortung hingegen London zu: „Wir wollten diesen Schritt nicht gehen, aber die Labour-Regierung hat uns durch ihr Handeln genau hierher geführt."

Wie Al-Jazeera-Korrespondent Nedal aus London berichtet, listete Sa'ar auf einer Social-Media-Plattform konkrete Maßnahmen auf, darunter die Schließung des Konsulats sowie ein Einreiseverbot für etwa zwölf britische Parlamentsabgeordnete. Gleichzeitig betonte er, dass beide Staaten weiterhin Verbündete seien und der Geheimdienstaustausch andauere. „Die britisch-israelischen Beziehungen befinden sich absolut auf einem Tiefpunkt", sagte Nedal.

Koloniales Erbe und umfassendere Isolation

Der palästinensische Journalist Nihad Abu Ghosh aus Ramallah erklärte gegenüber Al Jazeera, die scharfe Reaktion Israels auf die wachsende Kritik aus Großbritannien sei „wahlkampfgetrieben und werde durch seine kompromisslose Haltung gegenüber jedem genährt, der als Eindringling in oder Schwächung der israelischen Souveränität wahrgenommen werde". Er verwies darauf, dass Israel bereits gegen Spanien, Norwegen und Irland ähnliche Strafmaßnahmen ergriffen habe. „Großbritannien trägt eine besondere historische Verantwortung – für die Gründung des Staates Israel, für die Unterstützung seiner Entstehung und für die Unterdrückung des palästinensischen Volkes", sagte Abu Ghosh unter Verweis auf die Balfour-Erklärung. „Wenn Israel seine Politik nicht ändert, könnte sich die Lage weiter zuspitzen."

Abu Ghosh zog einen Vergleich mit der Entscheidung Washingtons, sein eigenes Jerusalemer Konsulat zu schließen und palästinensische Angelegenheiten über die Botschaft abzuwickeln: „Genau das will Israel: Es will, dass jeder Staat der Welt palästinensische Angelegenheiten als innere Angelegenheit Israels behandelt." Er warnte, Israel bestrafe sich selbst: „Wenn dies nur eine lokale Spannung zwischen zwei Staaten wäre, könnte Israel harte Maßnahmen vielleicht noch verkraften; doch dies ist ein sich ausweitender Trend."

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