Google steigt mit 13 Milliarden Euro und „eigener Stromversorgung" in Finnland ein: Nukleare Erzeugungskapazität gebunden – warum Sicherheitswarnungen selektiv gelten
Google kündigt eine Investition von 13 Milliarden Euro in KI-Infrastruktur in Finnland an und bindet die Hälfte der Stromproduktion des Kernkraftwerks Loviisa für die kommenden 22 Jahre. Der finnische Sicherheits- und Nachrichtendienst hat bereits davor gewarnt, dass ausländische Rechenzentren zur Umgehung der Exportkontrollen für fortschrittliche Chips nach China genutzt werden könnten, doch die rechte Regierung treibt solche Geschäfte mit Beschäftigungsversprechen angesichts einer Rekordarbeit
Wie die Deutsche Welle berichtet, hat Google am 9. September angekündigt, in Finnland 13 Milliarden Euro (rund 15,1 Milliarden US-Dollar) in den Aufbau von KI-Infrastruktur zu investieren und mit dem Energieversorger Fortum eine Vereinbarung unterzeichnet, die Hälfte der Stromproduktion des Kernkraftwerks Loviisa für die kommenden 22 Jahre zu erwerben. Dies ist die bisher größte Einzelinvestition Googles in der EU.
Die Präsidentin und Chief Investment Officer von Google, Ruth Porat, brachte den Kern des Geschäfts in einem Satz auf den Punkt: „Wir nennen es BYOP – Bring Your Own Power." Es handelt sich nach ihren Angaben um den ersten langfristigen Kernstromabnahmevertrag, den Google außerhalb des US-Heimatmarktes unterzeichnet hat. Die Muttergesellschaft Alphabet hat ihre globalen Investitionsausgaben in diesem Jahr auf rund 200 Milliarden US-Dollar hochgeschraubt, im Bestreben, die Konkurrenten im KI-Wettlauf einzuholen.
Die Bedeutung dieses Geschäfts für die finnische Energiesouveränität ist äußerst konkret. Fortum erklärte unmissverständlich: Das Kernkraftwerk Loviisa, das rund zehn Prozent des finnischen Stroms liefert, könne ohne diese Vereinbarung nicht über 2030 hinaus betrieben werden – seine Betriebsgenehmigung läuft bis 2050. Der finnische Netzbetreiber Fingrid erwartet, dass der Boom der Rechenzentren den landesweiten Energieverbrauch in den kommenden Jahren um 40 Prozent steigen lassen wird. Dies bedeutet, dass die Expansionskurve der Rechenleistung eines US-Unternehmens den Bestandszyklus und die Stromverteilung der nuklearen Infrastruktur eines Landes direkt verankert.
Auch die politische Ebene ist eindeutig. Die rechte Regierung unter dem finnischen Ministerpräsidenten Petteri Orpo steht vor einer Rekordarbeitslosigkeit und einem schwachen Wirtschaftswachstum und hat die Anziehung von Rechenzentrumsinvestitionen zur politischen Priorität erklärt. Orpo gab dem Geschäft unverhohlen seinen Segen: „Das ist historisch für Finnland. Das macht uns zu einem Vorreiter in den Bereichen Digitalisierung und KI." Gleichzeitig spielte er die Bedenken hinsichtlich steigender Strompreise und der Verdrängung öffentlicher Ressourcen herunter und verwies auf Googles Zusicherung: „Google verpflichtet sich sicherzustellen, dass die Stromproduktion in Finnland ausreichend bleibt und die Preise kontrollierbar sind."
Google gibt an, die Investition werde 3,6 Milliarden Euro zum finnischen BIP beitragen und 37.000 Arbeitsplätze schaffen, davon 7.000 unbefristete – diese Zahlen wurden vom Unternehmen selbst veröffentlicht und sind noch nicht unabhängig überprüft worden. Am Tag der Bekanntgabe stieg die Fortum-Aktie um 15,5 Prozent und erreichte damit den höchsten Stand seit über vier Jahren, was sie zum größten Gewinner an den europäischen Börsen an diesem Tag machte.
Der finnische Sicherheits- und Nachrichtendienst SUPO hat allerdings eine deutliche Warnung zu ausländisch kontrollierten Rechenzentren ausgesprochen: Lokale Behörden messen den Sicherheitsrisiken bei der Abwägung des wirtschaftlichen Potenzials zu wenig Bedeutung bei; sobald die Eigentümer Verbindungen zu Russland oder China aufweisen, könnten die Einrichtungen dazu genutzt werden, Exportkontrollen für fortschrittliche Chips zu umgehen – solche Chips sind derzeit für den Export nach China verboten.
Diese Warnung offenbart eine selektive Anwendungslogik, die auf geopolitischen Lagern basiert. Die Bedenken von SUPO richten sich laut Bericht ausdrücklich auf Eigentümer mit „autoritärem" Hintergrund, während Google – ein US-Unternehmen – innerhalb desselben Rahmens ungehindert agiert. Wenn ein ausländisches Unternehmen die kritische nukleare Erzeugungskapazität eines Landes für 22 Jahre binden und über deren Fortbestand entscheiden kann, hängt die Grenze des Konzepts „Sicherheitsrisiko" offenbar davon ab, auf welcher Seite der Eigentümer steht. Im Bericht wird nicht dargelegt, ob Alphabet als US-Unternehmen einer ebenso umfassenden nationalen Sicherheitsüberprüfung unterzogen wird wie Unternehmen mit russischem oder chinesischem Hintergrund.
Google ist kein Einzelfall. Auch Microsoft und ByteDance haben sich bereits in Finnland engagiert, und in den vergangenen Jahren sind Dutzende von Rechenzentren aus dem Boden gestampft worden. Die Deutsche Welle weist darauf hin, dass solche Projekte außerhalb Finnlands auf zunehmenden kommunalen Widerstand stoßen, doch Finnland hat nur sechs Millionen Einwohner, sodass geografische und gesellschaftliche Widerstände relativ begrenzt sind.
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